Verlagsvorschau Herbst 2022

Verlagsprogramm Herbst 2022

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»Die Zukunft gehört dem Buch und nicht den Bomben, dem Frieden und nicht dem Krieg.« Dass an diese Worte von Victor Hugo erinnert werden muss, war vor wenigen Wochen für viele noch unvorstellbar. Doch plötzlich befinden wir uns in einer »Zeitenwende«, wie es Bundeskanzler Olaf Scholz nennt. Außenministerin Annalena Baerbock behauptet sogar, wir seien am Morgen des 24. Februar »in einer anderen Welt aufgewacht«. Die Folgen sind nicht abzusehen. Die Hoffnung war groß, dass das Ende der Pandemie bald erreicht sei. Viele erwarteten in Kürze eine »Normalisierung« des Lebens in allen seinen Facetten. Diese Hoffnung hat der russische Waffengang in der Ukraine brutal zunichtegemacht. Als sei das menschliche Leid der unmittelbar vom Krieg Betroffenen nicht schon genug, kündigt sich ein weltweiter Versorgungsengpass bei Nahrungsmitteln an. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen – außer für die Rüstungsindustrie – sind unabsehbar. Krise folgt auf Krise. Und über allem schwebt das Damoklesschwert des Klimakollapses, der nicht mehr abwendbar scheint und dessen Folgen kaum abzuschwächen sind.

Gewalt war in den letzten 30 Jahren nie abwesend – weder innergesellschaftlich noch in den internationalen Beziehungen–, auch wenn es in Deutschland so schien. Wie eng verknüpft und durchzogen die gesellschaftlichen Verhältnisse davon sind, zeigt David McNally an einem auf den ersten Blick überraschenden Thema: Geld. Mit »Blut und Geld« legt er eine umfassende historische Analyse der Zusammenhänge zwischen Krieg, Versklavung, Finanzen und Geld von der Antike bis zur Gegenwart vor. Ein weiterer lesenswerter Titel in der Reihe »Theorie«.

Dass Rassismus mit ganz handfester, auch tödlicher Gewalt einhergeht, war und ist nie zu übersehen gewesen – und Antirassismus gehört inzwischen irgendwie zum guten Ton. Doch gegenwärtig herrscht in Deutschland ein Antirassismus vor, der vor allem auf Repräsentation, Inklusion und Diversität setzt. Gefahr läuft man damit, dass die strukturellen Ursachen aus dem Blick geraten. Der Band »Die Diversität der Ausbeutung« aus der Reihe »Analysen« setzt dem einen materialistischen Begriff von Rassismus als gesellschaftlichem Verhältnis innerhalb von Klassengesellschaften entgegen und behandelt vor diesem Hintergrund unterschiedliche Aspekte der Theorie und Praxis von Antirassismus in Deutschland.

In der Reihe »Biografische Miniaturen« erinnern wir an Karl Kautsky. Mit seinem Wirken hatte er nicht unwesentlichen Anteil daran, was lange Zeit als »Marxismus« galt. Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wurde seine Kritik an der Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten immer schärfer und führte am Ende zum Bruch. Ohne unzulässige Parallelen ziehen zu wollen: Sich einer solchen Biografie in diesen Zeiten zu nähern, kann eventuell ein Stück weit Hilflosigkeit überwinden.

Martin Beck
Verlagsleiter