Rosa Luxemburg – Werke und Briefe

Rosa Luxemburg (Jg. 1871), die Theoretikerin der europäischen Sozialdemokratie sowie bis heute dessen bekannteste Politikerin – am 15. Januar 1919 von Offizieren einer regulären deutschen Armee-Einheit ermordet –, hat ein breites publizistisches und theoretisches Werk hinterlassen, im Wesentlichen auf Polnisch und Deutsch, aber auch auf Russisch und Französisch.

Eine erste Ausgabe von Werken Rosa Luxemburgs hatte 1921 bereits die Kommunistische Internationale in Auftrag gegeben, wurde aber 1928 auf Weisung Stalins (1878–1953) wieder abgebrochen. Zuvor hatte die Zentrale der KPD schon ein schmales Bändchen – »Briefe aus dem Gefängnis« (1920) – herausgegeben, das Rosa Luxemburg einem Publikum weit über ihren eigentlichen Wirkungskreis hinaus bekannt gemacht hatte und bis heute, um einige wichtige neu entdeckte Briefe ergänzt, immer wieder aufgelegt wird (zuletzt Karl Dietz Verlag 2019).

1923 veröffentlichten auch Luise und Karl Kautsky einen Band mit den von Rosa Luxemburg an sie gerichteten Briefen. Zu diesem Zeitpunkt war für die Kommunisten Rosa Luxemburg schon auf dem Weg zur Unperson. Denn Paul Levi, Luxemburgs Nachfolger an der Spitze der KPD, hatte 1922 ihr Fragment über die russische Revolution veröffentlicht und dadurch den Zorn der Bolschewiki auf sie gelenkt. Luxemburg hatte es in dem Manuskript gewagt, Lenin und seine die sozialistische Idee diskreditierende Politik zu kritisieren. 1931 erklärte Stalin Rosa Luxemburg – heute kaum noch dechiffrierbar – zur »Halbmenschewistin« und untersagte damit für seinen Einflussbereich jeden weiteren inhaltlichen Bezug auf Rosa Luxemburg.

Was ist eine »Halbmenschewistin«? Die Menschewiki (russisch: Minderheit) und Lenins Bolschewiki (russisch: Mehrheit) entsprangen einer Wurzel und bildeten zwei Fraktionen einer bis 1912 noch vereinten sozialdemokratischen Partei Russlands. Während die Menschewiki Russland reif für eine bürgerliche Revolution unter bürgerlicher Führung hielten, suchte Lenin nach einem Weg für eine sozialistische Revolution unter proletarischer Führung. Rosa Luxemburg meinte wie die Menschewiki, dass Russland lediglich für eine bürgerliche Revolution reif sei, die aber unter proletarischer Führung stehen müsse, da das russisch-polnische Bürgertum weder fähig noch willens sei, eine Revolution zu führen. Aus dem Gegensatz zwischen Menschewiki und Bolschewiki wurde bald Feindschaft und nach der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki Krieg. Der im März 1931 von den Bolschewiki angestrengte so genannte Menschewiki-Prozess endete mit Todesurteilen. Eine »halbe« Menschewistin zu sein bedeutete von da ab mindestens zehn Jahre GULag: in Kasachstan oder in Sibirien, wo Vernichtung durch Arbeit, mitunter auch schlichtweg Ermordung stattfand.

Trotz Stalins Verdikt erschien 1951 in der gerade gegründeten DDR eine zweibändige Ausgabe mit Schriften Rosa Luxemburgs. Wilhelm Pieck (1876–1960), damaliger Präsident der DDR und 1919 mit Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Tage ihrer Ermordung mit beiden zusammen verhaftet, hatte Stalin diese beiden Bände abgerungen. Bis zur Seite 155 wird mit Texten Piecks, Lenins und Stalins erklärt, warum Rosa Luxemburg Unrecht gehabt habe, und daran dann erst angeschlossen wurden die für die Bolschewiki ungefährlichen Texte Rosa Luxemburgs. Mehr ging im Rahmen der Stalinschen Regimes nicht, dem Pieck, wie alle Führer im Sowjetblock, als Kompradoren-Kommunist diente und es auch – überlebte.

Der „Sozialismus des sowjetischen Typs“ war nur ohne politische Freiheiten lebensfähig, ein Zustand, der notfalls mit Terror aufrechterhalten wurde. Doch der Kalte Krieg zügelte nicht nur die Gier der vom Kapital derangierten »Eliten« im Westen, sondern auch die nach Stalins Dahinscheiden zunehmend vor Terror zurückschreckenden Führungskräfte im Ostblock. Ihr System „weichte auf“. Erst das machte einen zweiten Anlauf, die Schriften Rosa Luxemburgs in einer Werkausgabe zu publizieren, überhaupt möglich.

Ihr deutschsprachiges Werk gilt zusammen mit den russischen und französischen Texten heute als vollständig erschlossen.

Der Anstoß kam allerdings von außen: Es war ein deutsch-tschechischer Emigrant, dessen 1965 in der Bundesrepublik erschienene Rosa Luxemburg-Biographie den – sich stets tarnenden – Reformkräften im Institut für Marxismus-Leninismus (IML), dem zentralen Forschungsinstitut der herrschenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED,) eine Steilvorlage lieferte: Peter Nettl hatte mit seinem Hohn, dass die SED in jedem Januar Rosa Luxemburg feiere, es aber nicht wage, ihre Werke zu veröffentlichen, in die Bremsen so viel Öl geschüttet, dass die Mühlenräder, die die wirkliche Geschichte ans Licht befördern, sich ein wenig bewegten.

Ihr deutschsprachiges Werk gilt zusammen mit den russischen und französischen Texten heute als vollständig erschlossen. Es liegt in sieben Bänden vor; davon sind zwei Doppelbände (Band 1 und 7). Sie bilden den Inhalt der »Gesammelten Werke«, die zwischen 1970 und 1975 (Band 1 bis 5) erschienen, erarbeitet von einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Günter Radczun (1931–1978) und Annelies Laschitza (1934–2018). Zwei Ergänzungsbände vervollständigen das Werk aus den Jahren bis 1906 (Band 6, erschienen 2014, herausgegeben von Annelies Laschitza und Eckhard Müller) bzw. ab 1907 (Band 7, erschienen 2017, ebenfalls herausgegeben von Annelies Laschitza und Eckhard Müller).

Vom Werk Rosa Luxemburgs in polnischer Sprache ist etwa die Hälfte erschlossen und auf Deutsch in Einzelausgaben von Holger Politt veröffentlicht worden. Dieser Teil des Werks ist – bis auf wenige Texte – bisher nicht Bestandteil der »Gesammelten Werke«.

Daneben wurden die Briefe Rosa Luxemburgs (geschrieben auf Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch) von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Annelies Laschitza zusammengestellt, ggf. übersetzt und annotiert in insgesamt 5 Bänden (»Gesammelte Briefe«, 1982-1984). Ein Ergänzungsband erschien 1993, ebenfalls herausgegeben von Annelies Laschitza. Aktuell wird an der der Erschließung weiterer Briefe aus russischen Archiven gearbeitet.

Günter Radczun, Philosoph am IML und der Kopf des Unternehmens, und Annelies Laschitza, die, wie sie später immer wieder betonte, Radczuns Konzept fortgeführt hatte, brachten das an sich Undenkbare fertig: eine erste Werkausgabe Rosa Luxemburgs. Sogar das Fragment über die russische Revolution konnte erscheinen (Band 4, 1974); in allen anderen Staaten des zusammenbrechenden Ostblocks erschien das Fragment erst nach 1989.

Natürlich ging es unter den Bedingungen der DDR nicht ohne Kompromisse ab. Außerdem wurde die Ausgabe auf fünf Bände begrenzt, sei doch Rosa Luxemburg »keine Klassikerin« (Marx und Engels: ursprünglich 39 Bände; Lenin: ursprünglich 40 Bände; Stalin: 16 Bände, davon 13 veröffentlicht). Diese Vorgabe unterliefen Günter Radczun und Annelies Laschitza, indem sie den ersten Band in zwei umfangreichen Büchern (836 S., 668 S.) anlegten, also statt einem zwei Bände produzierten; der Dietz Verlag, auf den bundesdeutschen Markt schielend, spielte mit.

Da der Band kurz vor dem 100. Geburtstag von Rosa Luxemburg (5. März 1971) aus der Druckerei kam und schon international angekündigt worden war, ließ sich seine Auslieferung nicht mehr stoppen. Die Bände 2 bis 4 waren dann – eine Retourkutsche der prostalinistischen Kräfte im SED-Apparat – von deutlich geringerem Umfang. Nur der Band 5 schafft es noch einmal auf fast 800 Seiten, mutmaßlich weil er das ökonomische Werk Luxemburgs mit umfangreichen Buchmanuskripten enthält. Die Ergänzungsbände 6 und 7 wurden erst in den 2010er Jahren erarbeitet – dann unter anderen Bedingungen, aber auch mit anderen Mitteln. Sie umfassen mehr als 2.200 Seiten.

In unserem Shop finden sich alle sieben Bände (in neun Büchern) der Gesammelten Werke.