Wer fälschte Marx? Geschichten aus der Geschich...

Wer fälschte Marx? Geschichten aus der Geschichte des Verlags

Wer fälschte Marx? Geschichten aus der Geschichte des Verlags

 

 

Kalter Krieg im Börsenblatt: Wie sich der Westverlag Cotta und das DDR-Unternehmen Dietz 1960 einen Fernkampf um den Alten aus Trier lieferten.

Es war der 16. Februar 1960, als im Ostberliner Dietz Verlag der Lektor Walter Schulz eine Hausmitteilung des »Instituts für Marxismus-Leninismus« auf den Tisch bekam – ihr Inhalt: die Abschrift eines Artikels aus der »Berliner Stimme«. In der Westberliner Wochenzeitung mit sozialdemokratischen Hintergrund war im Januar ein Hinweis auf die bevorstehende Herausgabe einer neuen Ausgabe mit Marx-Werken erschienen. Der Stuttgarter Cotta-Verlag trieb das Projekt voran. Allein das wäre für den Dietz Verlag Berlin wohl schon eine mittlere Herausforderung gewesen, immerhin hatte man in der DDR seit Mitte der 1950er-Jahre die Marx-Engels-Werke (MEW) im Angebot − angelegt als »die« deutschsprachige Studienausgabe.

Doch es war nicht nur mögliche publizistische Konkurrenz, die in der DDR die Alarmlampen leuchten ließen.

Was der Genosse Mehrbach vom SED-Institut da übermittelte – auf dem Briefpapier war der Name »Institut für Marxismus-Leninismus« lediglich aufgestempelt, dahinter konnte man noch den alten Namen lesen: »Marx Engels Lenin Stalin Institut« – sollte einen politischen Fernkampf eröffnen, der über ein Jahr lief und in dem es um mehr ging als um Marx und seine Schriften. Ein kleiner deutsch-deutscher Konflikt im großen Kalten Krieg.

Hausmitteilung des IML. Foto: Dietz Archiv

Hausmitteilung des IML eröffnet Fernkampf. Foto: Dietz Archiv

Was die »Berliner Stimme« im Westen mitteilte, sollte die »neue Marx-Ausgabe« nicht nur diverse »Vorzüge vor ähnlichen Ausgaben« haben. Es wurde auch noch der Vorwurf erhoben, »die von Ostberlin herausgegebene angebliche Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels« sei, »wie bereits der erste Band eindeutig zeigte, unvollständig und tendenziös gefälscht«. Cotta hatte den Fehdehandschuh geworfen.

Seit 1956 brachte das Institut für Marxismus-Leninismus (IML) die Marx-Engels-Werke heraus. Der erste der »Blauen Bände« erschien im Januar 1957 bei Dietz Berlin – unter politischen Prämissen, die die SED formulierte und die praktisch Moskauer Vorgaben entsprachen, da die zweite sowjetische Werkausgabe zur Grundlage genommen wurde. »Neben der ideologischen Überfrachtung und der mittlerweile auch wissenschaftlich veralteten Kommentierung gab es auch Probleme mit der Textanordnung«, so haben es später einmal die MEW-Experten Rolf Hecker und Jörn Schütrumpf formuliert. Zum Beispiel fehlten im ersten Band die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« von 1844, in der frühen DDR wurden diese parteioffiziell als »vom idealistischen, linkshegelianischen Standpunkt« verfasste Texte angesehen – und erst viel später, im Jahr 1968, in die MEW aufgenommen.

Abschriften von Anzeigen des Cotta Verlags. Foto: Dietz Archiv

Post von Dietz an die SED. Foto: Dietz Archiv

Der Vorwurf von Cotta war also nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, aber in seiner Zuspitzung für Ostberlin natürlich eine Provokation. Was, wenn die »Berliner Stimme« in der DDR die Runde machte? Was, wenn Fragen zur Editionspraxis des Instituts aufkommen würden? Und was, wenn der Cotta-Verlag mit seiner Werbung weitermachte, einer Reklame, die vor allem in der Negativmarkierung eines nicht nur wirtschaftlichen Konkurrenzunternehmens bestand, sondern auch politische Dimensionen hatte?

Cotta machte weiter. 


Ein paar Monate später, es war inzwischen Juli 1960 geworden, war es nun der Dietz Verlag Berlin, der »zwei Abschriften einer Anzeige des Verlages Cotta« an die SED-Marxismusoffiziellen sandte – in der Reklame würden »öffentlich die vom Institut und uns herausgegebenen Gesammelten Werke unter anderem als verfälscht bezeichnet«. Der Leiter von Dietz, Fritz Schälicke, wollte es aber diesmal bei einer Information nicht belassen.

»Es erscheint mir notwendig«, schrieb Schälicke, »dass wir diese Diffamierung zumindest durch eine Anzeige im Börsenblatt des deutschen Buchhandels Leipzig energisch zurückweisen.« Zudem bat Schälicke darum, darüber nachzudenken, »ob man Cotta durch Erwirkung eines entsprechenden Gerichtsbeschlusses zwingen sollte, weitere Veröffentlichung derartiger Sudeleien zu unterlassen«.

In solchen Fällen war es in der DDR geboten, sich an höchster Stelle abzusichern - in dem Fall die SED-Führung. Schälicke wandte sich an Kurt Hager, den späteren »Chefideologen« der Staatspartei: »Ich glaube«, schrieb der Verlagsmensch an den für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur zuständigen Sekretär des Zentralkomitees, »dass du mich gestern bei unserer kurzen Begegnung nicht richtig verstanden hast, als Du mir sagtest, Du wüsstest schon von der Cotta-Anzeige im Frankfurter Börsenblatt betreffs der Marx-Ausgabe in acht Bänden.« Das inkriminierte Inserat sei druckfrisch, insistierte Schälicke, und Hager »kaum schon zu Gesicht gekommen« sein.

Ob es nun an der Hierarchie lag, an Besserwissertum oder einfach die Wahrheit war: Hager antwortete drei Tage später mit dem Hinweis, er habe eben diese Anzeige sehr wohl gemeint. In der Sache selbst war er mit dem Dietz Verlag Berlin aber einig. »Es wäre richtig«, teilte er Schälicke mit, »in unserem Börsenblatt eine entsprechende Auseinandersetzung« zu veröffentlichen.« »Über weitere Möglichkeiten, gegen die westliche Ausgabe vorzugehen, müsstet ihr Euch mit Sachverständigen beraten.«

Die Angelegenheit war damit zu einer Grundsätzlichen geworden, immerhin ging es Hager nicht bloß um den Vorwurf der Falschbehauptung, sondern um ein Vorgehen »gegen die westliche Ausgabe« generell.

Briefwechsel mit Kurt Hager. Foto: Dietz Archiv

Briefwechsel mit Kurt Hager. Foto: Dietz Archiv

Ein Grund dafür könnte in wirtschaftlichen Überlegungen bestanden haben. Die gerade begonnene MEW wurde nicht nur in der DDR verkauft, in anderen deutschsprachigen Ländern gab es ebenfalls und wachsenden Bedarf an den »Blauen Bänden«. Dagegen waren zwar die Behörden der Bundesrepublik, aber bestellt wurden die Bücher offenkundig.

Eine Episode illustriert das: Der später prominente Politikwissenschaftler Oskar Negt saß in eben jenem Jahr 1960 im Westen an seiner Dissertation und wartete auf eine Lieferung der Marx-Engels-Werkausgabe, die er in der DDR bestellt hatte. Stattdessen erreichte ihn jedoch ein Schreiben vom Gericht – man habe die Bücher als »staatsgefährdendes Propagandamaterial« eingestuft und »beschlagnahmt«.

Hatte Cotta diesen Aspekt womöglich auch im Sinn? Waren die politischen Zensurversuche westdeutscher Behörden zugleich eine Art Unterstützung für einen Markteintritt mit einer neuen Marx-Ausgabe? Und sah sich die SED auch deshalb genötigt, an der Sache dranzubleiben?

In Ostberlin wird man freilich gewusst haben, dass die Sache so einfach nicht werden würde. Dass »eine entsprechende Auseinandersetzung« mit dem »Fälschungsvorwurf« in einem DDR-Fachmagazin die beabsichtigte Wirkung auch in der Frankfurter West-Ausgabe des Börsenblattes haben würde, konnten weder Hager noch Schälicke annehmen – es gab eben »unser« und »deren« Börsenblatt. Also suchte man nach anderen Wegen.

Mitte August 1960 hatte Oskar Hoffmann vom IML sein Manuskript fertiggestellt, das die Ostberliner »Antwort auf das Inserat des Cotta Verlags« sein sollte. Der erste Entwurf war eine wortgewaltige Polemik geworden, in das das ganze Panorama der damaligen deutschlandpolitischen Konfliktlage eingewoben war. In der SED-Sicht der damaligen Zeit blieb an »Adenauer-Staat«, »Revisionisten, alte und moderne« oder am »Deutschlandplan der SPD aus dem Jahr 1958« kein gutes Haar. Auch das KPD-Verbot von 1956 und eine Rede »des verstorbenen Kommunistenfressers Burns« tauchen in der »Auseinandersetzung« auf – gemeint waren Äußerungen des früheren US-Außenministers von 1948, in der dieser Marx zum Kronzeugen genommen hatte, um Russland als »Gendarmen Europas« zu bezeichnen.

Und damit hatte Hoffmann, der seit 1959 an der Herausgabe der MEW mitwirkte, einen entscheidenden Punkt genannt: Man verstand solchen Zitatgebrauch als einen Versuch, mit Marx gegen die sowjetische Politik Front zu machen. Das musste den deutsch-deutschen Verlagszoff besonders befeuern.

Cotta hatte in einer weiteren, im Börsenblatt veröffentlichten Ankündigung unter der Überschrift »Cotta verlegt’s« ein langes Zitat des Alten aus Trier aus dessen damals noch nicht auf Deutsch vorliegender Schrift »(Revelations of the) Secret Diplomatic History oft the Eighteenth Century« abgedruckt, um das Marx-Projekt mit ein bisschen Rückenwind dadurch auszustatten, indem man auf politische Aufregung setzte. Mit Marx gegen Moskau – das war 1960 jedenfalls ein Garant für Aufmerksamkeit sowohl im Osten als auch im Westen.

»Wie konnte diese Macht oder dieses Phantom einer Macht zu solch ungeheuren Dimensionen gelangen«, hatte Marx gut 100 Jahre zuvor über Russland geschrieben, »um auf der einen Seite begeisterte Zustimmung, auf der anderen empörte Ablehnung zu finden, da es die Menschheit mit einer Erneuerung der Universalmonarchie bedroht?«

Cotta nahm diesen Ball auf und versetzte ihn einfach, das Ganze durch eine bestimmte politische Brille betrachtend, in die Gegenwart: »Was Karl Marx 1857 über das Russlandbild Europas schrieb, hat noch heute Gültigkeit«, man müsse nur das Wort Universalmonarchie ersetzen, »seit Jahren heißt es ›Weltherrschaft des Bolschewismus‹«. Nach dem Fälschungsvorwurf, den der Westverlag in seiner Ankündigung erneuerte, nun eine Volte gegen Moskau – das wollte man in Ostberlin nicht einfach auf sich bewenden lassen.

Unterdessen war Hoffmanns Manuskript der Entgegnung offenbar durch die Instanzen gegangen, in einer Version trägt es eine Variante eines Lenin-Zitats als Titel (»Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie richtig ist.«), in einer späteren wird als Überschrift »Marxfälscher am Werk« gewählt. Um die Wirkung der Replik zu erhöhen, wurde der Text, der inzwischen weit nüchterner und weniger polemisch geworden war, auch als gefalteter Sonderdruck produziert – eine Art Flugblatt im deutsch-deutschen Verlagskonflikt um Marx.

Die Verdächtigungen wegen angeblicher ›Verfälschungen‹ und ›sinnverändernder Textabweichungen‹ weisen Herausgeber und Verlag als schmutzigen Reklametrick zurück«, heißt es da seitens des Dietz Verlags Berlin. Und dann geht es um jenes Marx-Zitat und die cottasche Bolschewismus-Anmerkung dazu. »Hier also liegt der Hund begraben. Diese Art zu zitieren und zu kommentieren macht allen deutlich, welches Machwerk von Cotta und den Herausgebern zu erwarten ist.«

Denn, so die Sicht in der DDR: Man hat im Westen »zeitbedingte Einschätzungen und politische Perspektiven« von Marx verwechselt, das bezeuge die propagandistische Funktion der ganzen Angelegenheit. Belegt wurde dies natürlich mit einem Marx-Zitat, diesmal aus der Vorrede zu einer russischen Ausgabe des »Manifestes« von 1882, in der es heißt, nunmehr bilde Russland »die Vorhut der revolutionären Aktion von Europa«. 

Man könnte sagen: Ost-Dietz hielt es wie Cotta und hatte ein Marx-Zitat herausgesucht, das zur eigenen politischen Position passte – aber nicht viel mit der Werkentwicklung, dem Untersuchungsgegenstand oder auch nur dem Thema zu tun hatte. Die politische Führung in der DDR verteidigte »ihren Marx«, der längst nicht mehr wissenschaftlicher Bezugspunkt war, sondern eine Legitimationsfigur für die SED-Linie.

Oder, wie es der Dietz Verlag Berlin damals in der Cotta-Entgegnung formulierte: Einer Milliarde Menschen weltweit sei »die Lehre von Marx und Engels zur Richtschnur ihres Denkens und zur Grundlage ihres Seins geworden«. Die Versuche des Verlags Cotta, das zu übersehen, seien zum Scheitern verurteilt und die Herausgeber der Westausgabe seien »arme Wichte«.

Der Verlag machte in dem Flugblatt natürlich auch ordentlich Werbung für sich selbst, die eigenen Marx-Ausgaben stünden zu Hunderttausenden »in den Bücherschränken der Werktätigen der DDR«. Auch der übliche, durch keine Selbstkritik oder Empirie zu erschütternde Geschichtsoptimismus wurde selbstbewusst vom Dietz Verlag Berlin aufgefahren: »Wir leben in der Zeit des sterbenden Kapitalismus. In historisch kurzer Frist wird das Banner des Marxismus-Leninismus über der ganzen Welt wehen.« Und von den Herausgebern der Cotta-Ausgabe werde »dann niemand mehr reden«.

Zunächst aber sprangen erst einmal andere auf den Zug auf. Marx-Werke und ideologischer Streit über den Charakter der Moskauer Politik wurden auch in einer antisowjetisch aufgeladenen Ankündigung des Stuttgarter Seewald-Verlages verknüpft. Der teilte im September 1960 mit, unter dem Titel »Marx contra Russland« eine Textauswahl zu veröffentlichen, in der Marx »den ideologisch getarnten Expansionsdrang als eine Konstante der russischen Politik« offenlege. Es sei »gleichgültig«, ob »der Zar Nikolaus, Alexander, Stalin oder Chruschtschow heißt«. Und – wohl auch als Seitenhieb auf den Ostberliner Dietz Verlag gemeint: »Keine Interpretationskunst kann die sensationelle Enthüllung mehr aus der Welt schaffen«, so die Seewald-Anzeige, »dass für Marx vor der Dialektik zwischen Kapital und Arbeit diejenige zwischen dem Osten und dem Westen steht.«

Inzwischen war das Flugblatt von Dietz aus der DDR auch an westdeutsche Sortimenter gesandt worden, was nun wiederum Cotta in Zugzwang brachte. Am 9. Dezember 1960 erschien erneut eine Anzeige des Verlages im Frankfurter Börsenblatt – die Überschrift diesmal: »Wer fälscht Marx?«

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 Sonderdruck zur Leipziger Buchmesse. Foto: Dietz Archiv

Abgesehen von Interpretationsfragen der Art, ob man die in Moskau 1927 begonnene erste MEGA auch Ostberlin zurechnen dürfe, drehte der Westverlag darin die Polemikregler erst einmal deutlich herunter. Zwar konnte man sich den Hinweis nicht verkneifen, das dietzsche Selbstlob darüber, dass seit 1945 zehn Millionen Exemplare marxscher Schriften erschienen seien, laufe ins Leere. Schließlich lehre die Erfahrung, »dass Auflagenzahlen eines Buches weder für seinen Wahrheitswert noch für die Einstellung der Erwerber zu seinem Inhalt einen sicheren Maßstab abgeben«. Der Dissens über die Marx-Ausgaben sei also »mit einer solchen Logik nicht zu beantworten«. Ansonsten aber machte Cotta eher Anstalten, den Brand nicht noch größer werden zu lassen. Man wolle nicht weiter »in eine politische Polemik« eintreten.

 

Doch das Feuer loderte bereits zu stark. Allein die Tatsache, dass Cotta eine Replik zur Replik geschaltet hatte, ließ den Schriftverkehr zwischen SED-Spitze, dem Marxismus-Institut und dem Dietz Verlag Berlin weiter anschwellen. Verlagschef Schälicke teilt dem Institut für Marxismus-Leninismus mit, die Kollegen von Cotta hätten »mit keinem Wort den Beweis ihrer Behauptung« angetreten, »dass unsere Marx-Engels-Ausgaben, wie sie in ihren Prospekten schrieben, gefälscht sind.« Alles in allem sah man in der Antwort aus Stuttgart »einen Rückzieher« – plante nun aber, »ihnen ihr Konzept noch gründlicher« zu »verderben als bisher«.

In einem weiteren Brief an die Abteilung Agitation und Propaganda beim SED-Zentralkomitee, in der damals Otto Reinhold tätig war, der 1987 dann gemeinsam mit Vertretern der SPD das Papier »Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit« maßgeblich mitverfasste, teilte Schälicke nun mit: »Jetzt wird sich das ND der Sache annehmen, und wir werden gemeinsam eine Stellungnahme erarbeiten.«

Also erneut: Entwürfe, Manuskripte, Abstimmungen. Es war inzwischen Januar 1961 geworden, aber »ob es den Herren in Stuttgart passt oder nicht passt: Sie sind es, die anlässlich des Erscheinens ihrer neuen Marxausgabe eine politische Polemik vom Zaun gebrochen haben«, hieß es nun – man wollte den Konflikt nicht aufgeben. Wortreich mühten sich die Beteiligten weiterhin, den Vorwurf zu entkräften, die Ostberliner MEW sei »unvollständig und tendenziös gefälscht«. Ein Hebel dazu: Man drehte die Anklage einfach um und behauptete nun, es sei die Ausgabe von Cotta selbst, die editionstechnisch fehlerhaft sei.

Auch die neuerliche Erwiderung aus Ostberlin wurde als Flugblatt gedruckt. »Wer fälscht Marx?«, stand diesmal darüber und Kopien gingen nicht nur nach Moskau und ins Zentralkomitee, sondern auch in die Redaktion von »Neues Deutschland«. Insgesamt ließ man 5.000 Exemplare drucken, wie aus einer Notiz hervorgeht – die zugleich eine naheliegende Frage aufwarf: Wer sollte diese Flugblätter eigentlich alles lesen?

Immerhin hatten die allermeisten Menschen in der DDR weder Kenntnis von der ursprünglichen Cotta-Anzeige noch von der Debatte, die darob ausgebrochen war. Für ein paar Insider, Funktionäre und Buchhändler hätten die 2.000 Exemplare ausgereicht, die nach Leipzig zur Buchmesse geschafft wurden. Allerdings, so fragte der Urheber der Notiz: »Was soll mit dem Rest geschehen?«

Eine handschriftliche Antwort verriet immerhin, dass auch Buchhandlungen in der DDR damit bedacht werden sollten. Und dass auch der von Schälicke angekündigte ND-Artikel zur Causa Cotta ebenfalls als Separatdruck erscheinen solle. Als drittes Flugblatt.

Der deutsch-deutsche Fernstreit um Marx, Cotta und Dietz war nun schon über ein Jahr alt – und es zeichnete sich immer noch kein Ende ab. Längst war der geplante Beitrag für das Zentralorgan der SED von einem handschriftlichen Entwurf auf Karopapier zu einem Manuskript geworden. Und auf einem kleinen, angehefteten Zettel hieß es: »Genosse Arnold hat diesen Artikel gesehen und ist einverstanden.«

Das war Ludwig Arnold, der Leiter des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, und dort maßgeblich an der Herausgabe der MEW beteiligt. Um eben diese Edition drehte sich dann auch im Wesentlichen der Text, für den Walter Schulz, der eingangs genannte Lektor aus dem Dietz-Verlag, als Autor vorgesehen worden war: Schulz erläuterte die Pläne für die Herausgabe der MEW. Er erlaubte sich zudem einen Vorgriff auf die Fortsetzung der in der Sowjetunion der stalinistischen Ära abgebrochenen MEGA.

Nach den eher nüchtern-bürokratischen Darstellungen der Marx-Editionslandschaft in der DDR kam dann aber natürlich auch der Cotta-Konflikt noch einmal auf. Und sofort änderte sich der Ton. Die geplante zweite MEGA werde »auch jene Arbeiten enthalten, deren Fehlen in den ›Werken‹ einige Herrschaften im Westen hämisch glossieren«, so Schulz. Dies betreffe auch die »Enthüllungen zur Geschichte der Geheimdiplomatie im 18. Jahrhundert«, die für die Cotta-Ausgabe übersetzt worden waren und aus der jenes Marx-Zitat stammte, das den Streit ursprünglich zu einem Politikum hatte werden lassen.

Eine Version des Textes von Schulz erschien zuerst als Anzeige im Leipziger Börsenblatt – und zwar in der Nummer zur Buchmesse 1961. Ein Sonderdruck als Flugblatt wurde ebenfalls besorgt – und am 18. Mai 1961 veröffentlichte das ND unter der Überschrift »Glanz und Elend eines Verlages« einen Artikel über Cotta – der zunächst letzte Akt des Streits mit dem Dietz Verlag – darin der Vorwurf, es handele sich bei den nun im Westen erscheinenden neuen Ausgaben von Marxens Werken »um eine großangelegte Fälschung«.

Damit war der ursprünglich Richtung Ostberlin adressierte Vorwurf umgekehrt. Die Begründung: Der Stuttgarter Verlag habe »eine Reihe von verballhornten und verstümmelten Wiedergaben einiger Werke zugrunde« gelegt, etwa »eine von Opportunisten zurechtgestutzte Fassung der ›Einleitung zu den ›Klassenkämpfen in Frankreich‹«.

Was man aus dem ND-Artikel nicht erfuhr: Der Zurechtstutzer war Engels selbst, der sich 1895 auf Drängen des sozialdemokratischen Vorwärts-Verlages zu einem neuen Vorwort für die »Klassenkämpfe« bereit erklärt hatte. Engels ging dabei auch auf die seitens der SPD-Spitze formulierte Bitte ein, so zu formulieren, dass die Schrift angesichts von Sozialistengesetz und eines real existierenden Verfolgungsdrucks nicht wie Wasser »auf die Mühle unserer Gegner« wirken möge. Engels und der Verlag waren uneins über die Dimension der notwendigen Anpassung – und seither spielt eben jene Einleitung von 1895 eine wichtige Rolle in der sozialdemokratischen Debatte über Revolution und Reform, die Rolle des Parlamentarismus und anderer ewiger Konfliktpunkte der Arbeiterbewegung.

Glanz und Elend eines Verlages. Foto: Dietz Archiv

  Die Causa Cotta wird Gegenstand im ND. Foto: Dietz Archiv

Um die freilich ging es weder im Schulz-Text gegen Cotta noch in der Auseinandersetzung per Anzeige und Flugblatt. Sondern um einen ideologisch aufmunitionierten Fernkampf, in dem keineswegs bloß Editionsfragen in Sachen Marx eine Rolle spielten, sondern vor allem deutsch-deutsche Befindlichkeiten und Kalte-Kriegs-Logik. »Bekanntlich gibt es nur eine absolut quellengetreue Ausgabe der Werke von Marx und Engels, die des Dietz Verlages«, so schrieb Schulz in seinem Text, der mit dem Satz endet: »Lasst eure schmutzigen Hände von Marx!«

Die MEW hat inzwischen den 44. Band erreicht, der alte Ostberliner Dietz als Parteibetrieb der SED ist längst Geschichte. Was die MEW angeht, vor allem die Vorworte und Anmerkungen, muss man die heutigen Herausgeber nicht länger auf die »politisch-ideologischen Kontaminationen« (Rolf Hecker) hinweisen. Die achtbändige Cotta-Ausgabe der Marx-Werke erlebte zuletzt 2013 mit einem neuen Vorwort von Wolfram Elsner im Verlag Lambert Schneider in Darmstadt eine Neuauflage. Das Haus war 1999 an die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt verkauft worden, dort ist eine »Nachfahrin« der »Cotta-Ausgabe« der Marx-Schriften noch heute erhältlich. Und die MEW gibt es weiter beim Berliner Karl Dietz Verlag.

Tom Strohschneider