Schütt, Hans-Dieter: Die Erde ist der fernste Stern


Schütt, Hans-Dieter: Die Erde ist der fernste Stern

Artikel-Nr.: 02152-8
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Gespräche mit Robert Menasse.
Mit unveröffentlichten Texten von Robert Menasse.
200 Seiten, Broschur.

ISBN 978-3-320-02152-8

Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2008

Ein Denker voll Philosophie und theoretischer Gewitztheit.
(Daniel Kehlmann)

HANS-DIETER SCHÜTT: Sind Sie vom Naturell her ein Spieler?
ROBERT MENASSE: Ein Zocker, ein Glücksspieler, natürlich. Ich habe den verfl uchten Ehrgeiz, das System des Lebens herausfinden zu können. Aber man kann das Spiel nicht gewinnen, man kann das System nicht herausfinden. Schreibend produziert man nur wieder rätselhaftes Leben.
HANS-DIETER SCHÜTT: Für die Unsterblichkeit?
ROBERT MENASSE: Unsterblichkeit? Da denke ich an ein Denkmal. Am Ende sind alle Denkmäler so etwas wie das Mahnmal des unbekannten Fußgängers. Der Traum von Woody Allen war, in eine Stadt zu kommen, auf deren Hauptplatz ein riesengroßes steinernes Denkmal einer Taube steht – und auf der sitzen lauter kleine Generäle. Vielleicht ist das geschriebene Leben umso haltbarer, je mehr man das eigene Leben dabei aufgibt, es zerstört. Man macht es kaputt, um das System des Lebens zu finden. Man spielt – um die »Bank« zu sprengen, gegen die wir alle leben.

Sie umfasst bereits über ein Dutzend Bände und gehört zur Nach-Wende-Tradition von dietz berlin: die Interview-Reihe von Hans-Dieter Schütt – Gespräche mit provokativen Künstlern, linken Politikern, couragierten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Mit dem neuen Band porträtiert der Autor einen der wesentlichen, radikal kritischen Schriftsteller Österreichs, den Erzähler und Essayisten Robert Menasse.

Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Wien, Salzburg und Messina. Er promovierte mit einer Arbeit über den »Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb«. Viele Jahre arbeitete er als Lektor und Dozent im brasilianischen São Paulo, lehrte Hegel, Adorno, Lukács, Benjamin. Er ist Träger zahlreicher renommierter Preise (Hölderlin, Breitbach, Feuchtwanger, Erich Fried). Menasse lebt und arbeitet in Wien und Amsterdam. Zu seinen wichtigsten Romanen zählen: »Schubumkehr«, »Selige Zeiten, brüchige Welt«, »Die Vertreibung aus der Hölle« und »Don Juan de la Mancha«. Seine gesammelten Essays erschienen unter dem Titel »Das war Österreich«; im Rahmen der legendären »Frankfurter Poetikvorlesungen« standen seine Lektionen unter dem Motto »Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung«. Eine schonungslose Abrechnung mit einer medial durchrotteten Gesellschaft, die mit Manipulation Widerstand zu brechen sucht.

»Während zum Beispiel die Bilder des Fernsehens durch unausgesetzte Wiederholung Mitleid und Solidarität mit den Opfern des Anschlags vom 11. September 2001 evozierten, wurde ein neuer Krieg vorbereitet, der wiederum unzähligen unschuldigen Menschen das Leben kosten sollte. Davon machen wir uns kein Bild, während die Bilder Zustimmung dazu organisieren. Wir nicken nur noch ... Aber ich hasse nichts mehr als eigennützige Mitmacher. Es dürfte doch nach Auschwitz nie wieder möglich sein, dass man wie ein Rädchen in der Maschinerie funktioniert und zusieht, wie – gerade jetzt – gesellschaftlich alles den Bach runtergeht.«

Wenn heute diskutiert wird, ob Schriftsteller und Künstler außerhalb ihres Werkes politisch eingreifen, ihre Stimme erheben sollten – Menasse ist eine intelligente und streitfrohe Antwort darauf: Ja! Er ist nicht nur ein brillanter Erzähler, sondern auch ein exzellenter Analytiker und kompromissloser Denker in einer Zeit, die er selber als »Dämmerzustand der Demokratie« bezeichnet. In diesem Buch erzählt der Sohn des österreichischen Fußballnationalspielers Hans Menasse sein Leben, erzählt von studentischem Aufruhr, politischem Engagement und seinen komplizierten Wegen in die Kunst.

Vor allem erweist sich der Österreicher – mit scharfsinniger Genauigkeit und assoziativer Leichtigkeit – als unkonventioneller Träumer des ganz anderen Lebens. Er sagt: »Ich staune bis heute, dass es Menschen gibt, die ohne eine revolutionäre Idee glücklich sind.«

Eingeschliffene Denk- und Geschichtsauffassungen stellt er mit Lust in Frage. Es ist die Lust an einem Denken, das auch dort, wo es auf eine unmissverständlich eigene Wahrheit trifft, doch unbedingt offen bleiben will.

Hans-Dieter Schütt, Jahrgang 1948, studierte Theaterwissenschaften und war bis 1989 Chefredakteur der »Jungen Welt«. Seit 1992 ist er Feuilletonredakteur der Zeitung »Neues Deutschland«. Seine Gesprächsreihe bei Dietz Berlin besteht inzwischen aus zehn Bänden.

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