Bock, Sigrid: Der Weg führt nach St. Barbara


Bock, Sigrid: Der Weg führt nach St. Barbara

Artikel-Nr.: 02129-0
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Die Verwandlung der Netty Reiling in Anna Seghers.
304 Seiten, Hardcover.
Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2008

»Sie liebte die Verse. In Versen lebte sie; in Versen träumte sie, und an sie glaubte sie beinahe mehr als an alles andere.« (Jens Peter Jacobsen)

Jemand reichte 1928 zwei Erzähltexte zum Wettbewerb um den Kleistpreis ein und setzte sich gegen Bewerber von Rang und Namen wie Arnolt Bronnen, Lion Feuchtwanger, Marieluise Fleißer, Gustav Regler und Hans José Rehfisch durch. Gutachter Hans Henny Jahnn war fasziniert: Eine »Wiederentdeckung des Daseins« von »großer Klarheit und Einfachheit«, wobei alle Tendenz verbrennt »in einer leuchtenden Flamme der Menschlichkeit«.
Der Autor schien ein Mann zu sein, in Hafenstädten lebend, vertraut mit schlingernden Schiffen und rauchigen Kneipen, wo Seeleute ihre Geschichten erzählen. Doch weit gefehlt: Der Preisträger war eine Frau, die soeben ihr zweites Kind zur Welt brachte, verheiratet mit einem ungarischen Politemigranten und in Berlin-Wilmersdorf lebend. Aufgewachsen im Mainzer »Puppenhaus« einer orthodox-jüdischen Kunsthändlerfamilie, hatte sie in Heidelberg und Köln Kunstgeschichte und Sinologie, Soziologie und Historie studiert und war zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Juden im Werke Rembrandts promoviert worden.
Dann aber erste Erzählversuche: von Toten auf der Insel Djal; vom Bischof, der seine Hure erwürgt und von einer Frau gerettet wird – und der prämierte Aufstand der Fischer von St. Barbara ... Ein Weg, der in die Weltliteratur führte.

Arbeitszimmer der Anna Seghers. Mehr ein Zimmerchen. Vier mal vier Meter. Eingeengt von Bücherregalen. An zwei Wänden ziehen sie sich bis zur Decke empor. Dort, wo die Regale im rechten Winkel zusammentreffen, ist Platz ausgespart für eine schmale Tür. Weniger eine Tür: ein Durchschlupf ins Wohn- und Bibliothekszimmer.
Bibliothek aber ist hier in dieser Wohnung alles. Ob Wohn- oder Arbeitsraum oder Korridor, überall reiht sich Buch an Buch. Die Fensterwand mit der Balkontür ist die einzige Wand im Arbeitszimmer ohne Bücherregal. Dafür drei kleine Bilder ...
In der Mitte des Zimmers der Schreibtisch. Der prangt groß und frei. Nichts zwängt ihn ein. Mittelpunkt allen Geschehens in diesem Raum. Dennoch: Kein besonderes Möbelstück. Nicht – wie andere Schriftsteller es gern mochten – eigenen Wünschen entsprechend angefertigt. Ein Tisch, wie er in den Wohnstuben einfacher Leute steht. Um den sich Familienmitglieder und Gäste versammeln ... Solch ein Tisch findet sich immer und immer wieder im Werk der Anna Seghers. Symbol der Gemeinsamkeit friedlicher Menschen. Hier dient er als Schreibtisch. Hier also saß die Schriftstellerin. Arbeitete sie. Mit dem Rücken zu Schreibschrank und Bücherregal. Vor sich das Sofa, die Bilder. Nach allem Trubel des äußeren Lebens – in diesem Raum, an diesem Tisch war Anna Seghers allein. Allein – sich und ihrem Gewissen verantwortlich.
Nur ihre selbstgewählten Bücher, Bilder, Geschenke waren als Zeugen und Ratgeber zugelassen. In dieser Einsamkeit und Stille schrieb sie. Dachte sie nach. Träumte. Schrieb. (Aus dem Kapitel »Das Zimmer«)

Sigrid Bock – die emeritierte Professorin für Germanistik (Jahrgang 1930) arbeitete an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Die meisten ihrer Publikationen gelten der Deutschen Literatur des Exils, der nicht-faschistischen Literatur in Deutschland zwischen 1933 und 1945, der Literatur in der DDR und der Antikriegsliteratur seit 1918. Zwischen 1970 und 1979 gab Sigrid Bock die publizistischen und theoretischen Schriften von Anna Seghers in vier Bänden heraus: »Über Kunst und Wirklichkeit«.

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